Tulpensonntag 2019

Tulpensonntag 2019 in Rosenheim

Lachen und Weinen

Eine fröhliche Christenschar hatte sich am so genannten Tulpensonntag in unserer Rosenheimer Pfarrkirche versammelt, um über zwei unverzichtbare „Lebens-Mittel“ nachzudenken: Das Lachen und das Weinen.


Anregungen gab den bunt kostümierten Gottesdienstbesuchern „Timm Thaler – oder das verkaufte Lachen“, ein Kinderbuch von James Krüss aus dem Jahr 1962.

Timm war ja in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Doch er ist er glücklich. Vor allem besitzt er ein Lachen, dem niemand widerstehen kann. Ein Lachen, das auch andere ansteckt, ganz gleich ob Prinzessin oder Schuhputzer:



Dieses Lachen ist so entwaffnend, dass der schwerreiche Baron Lefuet es unbedingt besitzen will. Baron Lefuet schlägt Timm einen ungewöhnlichen Handel vor: Der Junge wird in Zukunft jede Wette gewinnen, wenn er ihm sein besonderes Lachen verkauft. Nachdem Timm den Vertrag unterschrieben hat, erlebt er das Wunder: Er gewinnt jede Wette! Und er kann sich dank seiner neuen Fähigkeit jetzt scheinbar alle Wünsche erfüllen! Doch bald muss Timm feststellen, dass er ohne sein Lachen immer einsamer und verbitterter wird, weil er seine Lebensfreude verloren hat. Und diese Verbitterung überträgt sich auch auf die anderen:



Auf einmal merkte der Junge, wie sehr die Welt voll Lachen ist. Denn die Welt besteht – auch für sehr reiche Leute – nicht nur aus feinen Hotels. Und überall, wo er mit dem Baron hinreiste, hörte Timm auf den Straßen das Gelächter der Welt.

Er hörte das Lachen der Schuhputzer von Belgrad und der Zeitungsjungen von Rio; die Blumenhändler von Nizza  lachten wie die Tulpenfrauen von Amsterdam; es lächelte der Kesselschmied von Istanbul wie der Wasserverkäufer in Bagdad. Man kicherte und scherzte auf den Brücken von Prag genauso wie auf den Brücken von Petersburg. Und im Theater von Tokio klatschte und lachte man nicht anders als in den griechischen Amphitheatern. Gesetzt den Fall, das Lachen stürbe aus: Dann wäre die Menschheit langweilig, ernst und von trauriger Gleichgültigkeit.

 

Denn der Mensch braucht das Lachen wie die Blume den Sonnenschein!

 Und auf einmal entdeckt Timm, wer sich eigentlich hinter dem sonderbaren Baron Lefuet verbirgt, dem er sein Lachen verkauft hat: Man muss das Wort „Lefuet“ rückwärts lesen, dann bedeutet es „Teufel“!

Nur mit Hilfe seiner guten Freunde kann sich Timm aus der Macht dieses Teufelskreises befreien. Er gewinnt sein Lachen zurück, und mit ihm freuen sich alle Menschen, denen er begegnet.

 

Ja, es sind tiefgründige Aussagen in diesem Kinderbuch-Klassiker von James Krüss, dessen Wahrheit wohl zeitlos gilt. Vor zwei Jahren (2017) wurde der Roman neu verfilmt.

Danach fragten sich die Rosenheimer Gottesdienstbesucher:

Angenommen, wir sollten etwas hergeben.

Nicht etwas verkaufen, sondern verschenken.

Worauf könnten wir eher verzichten: Auf das Lachen oder auf das Weinen?

Bei den meisten wird wohl die spontane Antwort lauten: Auf das Weinen!

Das hatte sich auch der Schriftsteller Werner Heiduczek gedacht (der mittlerweile 92 Jahre alt ist). Als Gegenstück oder Ergänzung zum Kinderbuch „Das verkaufte Lachen“ schrieb er 1977 das Buch

„Das verschenkte Weinen“. Der Autor nannte es „Ein Märchen – nicht nur für Kinder“.

 Dieses Märchen erzählt von dem blinden Flüchtlingsjungen Hondez. Dieser trifft das Mädchen Aristid, und beide verbindet bald eine tiefe Liebe. Aristid setzt alles daran, einen „Wunderdoktor“ für Hondez zu finden, der ihm das Augenlicht wiedergeben kann. Schließlich finden sie einen solchen Arzt: Dr. Pretorius. Er verspricht, den Jungen zu heilen, allerdings unter einer Bedingung: Er fordert dafür das Weinen Aristids. Sie gibt es ihm frohen Herzens. Und das Wunder geschieht: Hondez kann wieder sehen.

Doch nun geschieht es wie beim „Verkauften Lachen“: Wer nicht mehr weinen kann, dem erkaltet das Herz ……

In diesem Falle ist es Aristid, die hartherzig und gefühllos wird. Erst durch das innige, zu Herzen gehende Geigenspiel von Hondez lässt sich Aristid erweichen, und ihre Tränen kehren zurück.

Das 1977 geschriebene Kinderbuch von Werner Heiduczek ist nicht nur ein schönes Märchen. (Und manche Bücher des Autors wurden zu DDR-Zeiten wegen ihrer Gesellschaftskritik sogar verboten!)

Zu diesem Roman vom „Verschenkten Weinen“ sagte Werner Heiduczek selbst:

„Ich wünsche mir, dass die Menschen erkennen, dass das Weinen im Leben ebenso wichtig ist, wie das Lachen. Denn ohne Trauer erkennen wir nicht, was Glück bedeutet.“

Die Rosenheimer Gottesdienstbesucher ahnten schließlich, was die beiden Märchen vom Lachen und vom Weinen mit der biblischen Botschaft und dem Sonntagsevangelium zu tun haben könnten.

Denn der Evangelist Lukas ist ein Liebhaber der „verlorenen Dinge“, die Jesus in seinen Gleichnissen verwendet. Da ist vom „verlorenen Schaf“ die Rede, von der „verlorenen Drachme“ und schließlich vom „verlorenen Sohn“. Jedes dieser Beispiele endet mit den Worten:

„Freut euch mit mir. Denn ich habe wiedergefunden, was verloren war!“

Ebenso würde Jesus wohl heute zu uns sagen:

„Freut euch mit mir. Und ich freue mich mit euch. Denn ihr habt das Lachen und das Weinen wiedergefunden!“

Michael Pabel